Die Palmbuschen-Fehde

Die Palmbuschen-Fehde.

"Ein Sonntag des Kirchenjahres steht in unserer Pfarre heute noch unübersehbar im Zeichen der Zulisser: der Palmsonntag. Einem alten Brauch folgend binden die Zulisser ihre Palmbuschen anders als die übrigen Pfarrbewohner: mehrere Meter lange Haselruten werden kunstvoll mit Segenbaum, Thujen, Buchsbaum, Tannenzweigen und bunten Bändern umwunden, am oberen Ende ist das „Kreuz“, ein besonders schöner Tannenast eingebunden, der reich mit verschiedenfärbigen Krepp-Papierblumen und bunten Kreppstreifen geschmückt ist."(1) "Bis kurz nach dem 2. Weltkrieg gingen nämlich alle Zulisser in das benachbarte Oberhaid zum Gottesdienst, so auch bei den Feierlichkeiten in der Karwoche. Die Zulisser hatten den böhmischen Brauch der langen Palmbuschen von den Oberhaidern übenommen."(2)

"So auch zur Zeit unseres Aufwachsens – nur mit dem Unterschied zu heute, dass wir unsere Palmbuschen, die ein beträchtliches Gewicht haben, zu Fuß zur Kirche und wieder heim tragen mussten, und wir außerdem auf dem Heimweg mit den Hörschläger Buben jedes Jahr in Konflikt gerieten.

Schon in den Tagen vor dem Palmsonntag hielten wir heimlich Kriegsrat – die Eltern durfen ja davon nichts erfahren: „Heuer wasch’n mas hoam!“ – „I steck‘ ma a schoarf’s Messa ein, damit schneid‘ i eahna den Bes’n auf!“ – „I ah!“

Immer wieder wurden die „Schlachtpläne“ durchbesprochen und neu aufgestellt. Dann war er da – der Palmsonntag. Wir waren hoch motiviert, es war genügend Adrenalin im Blut, also konnte es losgehen. Aber noch nicht gleich!

Auf dem Weg zur Kirche hatten wir eine gute Dreiviertelstunde an Gehzeit hinter uns, als wir die Hörschläger und sie uns entdeckten. Doch nun war einiges an Adrenalin bereits aufgebraucht. Es blieb daher bei einigen Stänkereien und blöden Zurufen. Auch waren zu viele Erwachsene unterwegs.
In der Kirche empfingen dann sowohl unsere Palmbuschen als auch die Hörschläger Palmbesen die kirchliche Weihe. Eigentlich dürften sie nun als Kampfwaffen nicht mehr eingesetzt werden. Aber hat man in Kriegen nicht auch die Waffen gesegnet? Segen hin oder her – uns interessierten sowieso nur die Hörschläger Buben.

Während des Gottesdienstes, der am Palmsonntag länger dauerte – der Chor sang unverständliche lateinische Lieder, der Pfarrer predigte länger als sonst, dazu noch die himmellange Leidensgeschichte – lud sich unser Adrenalinspiegel wieder auf, die Kampfbereitschaft stieg.

Endlich – Ende des Gottesdienstes! Wir lenkten die langen Palmbuschen sorgfältig durch die Kirchentür hinaus auf den Friedhofplatz, wobei wir die Hörschläger stets im Auge behielten. Auf der „Baun-Eben“ ging es – von einigen Spottbemerkungen abgesehen – noch einigermaßen. Auf der Hörschläger Straße aber, die dort durch einen schwer einsehbaren Geländeeinschnitt verläuft, verringerte sich die Distanz zwischen ihnen und uns, bis wir auf Rutenlänge an ihnen heran waren.

Dann flog schon einer unserer langen Buschen einem Hörschläger um die Ohren. Der ließ seinen Besen fallen um sich auf den Angreifer zu stürzen. Auch wir ließen unsere Buschen fallen, denn wir ließen unseren Freund ja nicht von Hörschlägern verdreschen. Damit war nach wenigen Sekunden eine ordentliche Keilerei im Gange. Wir versuchten einen Palmbesen der Hörschläger zu ergattern um dessen Bänder aufzuschneiden, die Hörschläger trachteten nach unseren Buschen, wir aber hatten auf jeden Fall dank unserer Ruten eine größere Kampfdistanz. Die Leidtragenden waren aber die Papierblumen. Ursprünglich kunstvoll gefaltet, trugen sie nun die Spuren der Kämpfe. Einige hatten sich während der Gefechte vom Spitzenzweig gelöst und lagen nun irgendwo an der Straßenböschung, die anderen, die sich noch am Zweig befanden, sahen doch sehr mitgenommen aus.

„Wos is’n do g’scheh’n?“ war die erste Frage nach dem Heimkommen mit Blick auf den Palmbuschen. „Owig’folln is er mir!“ war die redliche Antwort.

Gottes Güte muss wirklich unendlich sein, denn sonst hätte er verhindert, dass ein Jahr später wieder …"(1)

"Der Rainbacher Pfarrer Anton Sageder hat die Palmbuschen der Zulisser als Vorbild hingestellt und sie auch zum weiteren Pflege dieses schönen Brauches angeeifert. Im Festzug bis zur Kirche dürfen nun am Palmsonntag die Zulisser Palmbuschenträger/innen an der Spitze gehen, begleitet von den Klängen der Zulisser Musikkapelle.

Es waren immer ungefähr zehn bis fünfzehn und manchmal sogar mehr Träger/innen, die sich daran beteiligten, mit Palmbuschen mit einer Länge von zweieinhalb bis fünf Metern. Beschwerlich war das Tragen dieser langen Palmbuschen auf dem Weg nach Rainbach und wieder zurück. Oftmals halfen dabei auch ältere Burschen. Leichter wurde es dann durch die Motorisierung. Die Palmbuschen wurden der Länge nach an den Autos angebunden und so heimtransportiert."(2)

Wir suchen zur Illustration ein Foto von Zulisser Kindern mit Palmbuschen aus früherer Zeit, womöglich noch in Schwarz-weiß. Kontaktdaten im Menü "Verein".

Zulissen
1950-1959
Verfasser

(1) Hubert Kolberger (1948-2023)
Summerauer Straße 29
4261 Rainbach i. M.
(2) Josef Kolberger (Vater von Hubert Kolberger)

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