Advent und Weihnachten früher

Advent und Weihnachten früher.

Meine Erinnerungen an Advent und Weihnachten in meiner Kindheit reichen ungefähr bis 1945 zurück. Wenn Ende November die Tage schon kurz waren und die meiste Außenarbeit in der Landwirtschaft getan war, wurden bei uns in der „Stube“ die Winterfenster angebracht. Das waren zusätzliche Fenster, um den Raum vor der Kälte zu schützen. Der eiserne Ofen wurde aufgestellt, um die Stube zusätzlich zum Kachelofen zu wärmen. Am Abend wenn es finster wurde, erzählten uns Mutter und Vater uns Kindern beim schlechten Licht von Petroleumlampen - elektrisches Licht gab es in Kerschbaum erst 1948 - Geschichten von den Fabelwesen „Habergeiß“ und der „Bärmutter“. Dabei lief es uns oft kalt über den Rücken. Vor dem ersten Adventsonntag wurde der Adventkranz gebunden und sehr bescheiden mit vier Kerzen und Kreppapier geschmückt. Es wurde Lebkuchen und etwas Keks gebacken. Die Bäckereien wurden an einem geheimen Ort aufbewahrt, da im Advent damals gefastet wurde und die Süßigkeiten für Weihnachten aufbewahrt wurden, was meiner Mutter nicht immer gelang, da die Versuchung, sie zu suchen und etwas davon zu essen für mich sehr groß war. Einige Tage vor Weihnachten wurde auch noch für jede Person ein „Wacker“ (=Gugelhupf) gebacken, der erst zu Weihnachten angeschnitten werden durfte. Ein Schwein wurde für den Feiertagsbraten geschlachtet. Eine Köstlichkeit waren dann die Schnitzel. Da es keine Kühlgeräte gab, wurde fast ganzes Jahr geselchtes Fleisch gegessen. Am 14. Dezember begannen Frauen und Kinder mit der Herbergsuche. Dabei ging man mit dem Herbergbild von Haus zu Haus und betete, damit die hl. Familie eine Herberge fand. Bei dem letzten Haus wurde dann das Bild bis zum nächsten Jahr aufbewahrt .

Am hl. Abend wurden mit Weihrauch und Weihwasser sämtliche Dämonen aus dem Haus getrieben. Dabei wurde gebetet. Öfters qualmte der Weihrauch so stark, dass wir husten mussten. Wahrscheinlich ergriffen deshalb auch die Dämonen die Flucht. Wenn wir mit Weihrauch und Weihwasser in den Stall kamen, bekam jedes Stück Vieh ein Stück Brot, das mit geweihtem Salz eingerieben war.

Am heiligen Abend mussten wir kleineren Kinder in das Schlafzimmer (Kammer) gehen, wo die Mutter mit uns Kinder betete bis mit einer Glocke geläutet wurde. Das war das Zeichen, dass das Christkind bei uns war. Ein Wunder, das Christkind war da! Der Christbaum war geschmückt mit brennenden Kerzen, Lametta und Engelhaar. Ich glaube, das war Glaswolle, weil bei einer Berührung die Hände juckten. Auf dem Baum hingen ein paar Lebkuchen, einige Glaskugeln, Äpfel und für die Nachkriegszeit eine Köstlichkeit, auch gebrannter Zucker in Würfel geschnitten liebevoll in Kreppapier eingewickelt. Die Geschenke aus heutiger Sicht waren eher bescheiden. Die Schwestern bekamen selbstgemachte Stoffpuppen. Mir brachte das Christkind kleine Holzspielzeuge. Das Essen am hl. Abend bestand meistens aus aus Suppe und „Hackbraten“. Das war faschiertes Fleisch mit Schweinenetz ummantelt. Als ich älter wurde, durfte ich zur hl. Mitternachtsmette mitgehen, die um 24 Uhr gefeiert wurde. Als Licht zum Mettengang wurde eine sogenannte Sturmlampe mit Petroleum mitgenommen. In der Kirche war es immer sehr kalt und Rauhreif bildete sich auf dem Kirchengewölbe. Da die Frauen in der Kirche auf der „Weiberseite“ saßen, wo kein einziges männliches Wesen sitze durfte und bei diesem Lichtmangel Wachstöckchen brannten, kam es öfters vor, dass sich ein großes Rauhreifstück von der Decke löste und auf die Frauen fiel. Man erkannte das, wenn viele Wachstocklichter erlöschten und die Stimmen vieler Frauen bei dem Gesang schlagartig verstummten. Wir Buben nahmen dieses Ereignis immer mit Genugtuung zur Kenntnis.

Am Christfesttag, am 25. Dezember gingen wir um 10 Uhr in das „Amt“. Das war der Festgottesdienst zu den christlichen Hochfesten. Zum Mittagsessen wurden Schöberlsuppe, Schnitzel, rote Rüben und Kraut gegessen und als Nachspeise schnitt jede Person den eigenen „Wacker“ an. Auch von den wenigen Keksen wurde genascht. Öfters rebellierte dann mein Magen auf das ungewohnte viele Essen.

Am „Steffanietag“, am 26. Dezember, erholten wir uns dann von den Feiertagsstrapatzen. Trotz der Bescheidenheit dieser Feste erinnere ich mich noch gerne daran.

Kerschbaum
1945
Verfasser

Karl Leitner (1941-2020), Kerschbaum 1, 4261 Rainbach i. M.

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