Weihnachten mit Tränen.
„Ing. Joh. Korbuly’s Matador“ ist ein höchst interessanter, vielseitiger Baukasten aus Buchenholz mit vielen Stäben, Stiften, vorgebohrten Holzklötzen, Rädern und vielem anderen mehr. Einen solchen hatte ich vor einigen Jahren zu Weihnachten geschenkt bekommen. In der darauffolgenden Zeit habe ich nicht nur die in der Vorlage dargestellten Maschinen und Geräte nachgebaut, sondern auch eine Reihe von eigenen „Erfindungen“ getätigt. Kein Wunder, dass sich mit der vorhandenen Ausstattung – dem Baukasten „Nr. 1“ – die eigenkreativen Möglichkeiten allmählich erschöpft hatten.
Da entdecke ich eines Tages in der Auslage des Papiergeschäftes Wolfsgruber in Freistadt etwas, das sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: einen „Matador“ – Baukasten „Nr. 2“. Der Deckel der Aufbewahrungsschachtel ist entfernt, so liegt der Inhalt des „2-er“ frei. Kein Vergleich zu meinem bisherigen „1-er“: Nutscheiben, Zahnräder, Wellen, eine Unzahl von Stäben und Stiften und viele, viele Holzklötze. Ich kann mich einfach nicht satt sehen.
So reift mein Entschluss: es ist schon Ende November und ich habe für noch keinen Weihnachtswunsch: das wird’s – ich wünsche mir für Weihnachten 1959 einen „Matador – Nr.2“. In Gedanken entstehen bereits die ersten Modelle. Dem Preisschild entnehme ich allerdings, dass der „2-er“ nicht gerade billig ist, aber ich denke, es ist mein einziger Wunsch, meine Schulleistungen sind zufriedenstellend und auch sonst bin ich nicht allzu schlimm gewesen. Es dürfte sich also ausgehen. So offenbare ich also einige Tage später meinen Eltern meinen Weihnachtswunsch: ein „Matador – Nr. 2“.
Wann immer ich während des Wartens auf den Postbus etwas Zeit finde, stehe ich vor der Auslage der Papierhandlung, drücke an der Scheibe meine Nase platt um meinen innigen Weihnachtswunsch zu begutachten und male mir immer wieder aus, was ich mit diesen Holzteilen wohl alles bauen werde.
Eines Tages, kurz vor Weihnachten, ist dieser Baukasten aus der Auslage verschwunden. Es wird doch nicht etwa? – Freudige Erwartung macht sich breit!
Heiliger Abend! Vater, Schwester und ich gehen zu den Nachbarn „Christkindl suchen“. Ich kann es vor Aufregung kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen – dann endlich: auf dem Tisch steht in der dunklen Stube, die nur von den brennenden Kerzen erhellt wird, der mit Glitzerfäden, Engelshaar, Windringerl, Glaskugeln und Süßigkeiten geschmückte Christbaum – und ganz oben: die besonders funkelnde „Spitze“.
Während Großmutter – sie hat eine sehr schöne Stimme - Weihnachtslieder anstimmt und wir alle mitsingen, wandern meine Blicke über die Geschenke, die unter dem Baum liegen. Und tatsächlich! Da liegt doch eine lang gestreckte, auffallend flache Schachtel. Sie ist zwar noch in Weihnachtspapier eingepackt, aber jetzt bin ich mir fast sicher …!
Wir wünschen uns gegenseitig „Frohe Weihnachten“, dann dürfen wir endlich die Geschenke auspacken. Ich mache mich sofort an „mein“ Packerl, auf dem obendrein noch „Hubert“ steht. Vorsichtig löse ich das Geschenkpapier ab – dann folgt die Ernüchterung: statt des „2-er“ ist irgendein – heute würde man sagen „No-name“ - Holzbaukasten eingepackt. Als ich die Schachtel öffne, sehe ich, dass nicht nur völlig andere Bauteile drinnen sind, sondern dass sie obendrein noch deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Ich bin zutiefst enttäuscht und meine Enttäuschung und mein Schweigen fallen auch den Eltern auf. „G’follt er dir denn leicht ned?“ ist die Frage meines Vaters. Ich will noch antworten, aber das Würgen in meinem Hals wird immer stärker und so breche ich in Tränen aus. „I bin‘s‚ gaunze Joahr brav g’wen, hab‘ fleissi g’lernt und i hab‘ mi so auf an Matador g’freid“, bringe ich unter Schluchzen hervor. Betroffenheit macht sich breit.
Da rettet Mutter die Situation: „Woast, da Votta is a weng spat in d‘ Stodt kemma und hot koan Matador mehr kriagt. Und do hot er si denkt, bevor‘st goar nix kriagst, kaft er liaba an aunder’n Baukost’n. Af d‘ Wocha muas er eh wieda in d‘ Stodt und do tauscht er‘n dir daunn um!“ Diese Form einer Rechtfertigung lässt nicht nur meine Enttäuschung verschwinden, sondern in aller Eile verschwindet auch der Baukasten.
Und tatsächlich: als Vater einige Tage später aus Freistadt heimkommt, zieht er lächelnd aus seinem Rucksack mein verspätetes Weihnachtsgeschenk heraus: einen „Matador – Nr. 2“.
Fotos
Verfasser
Hubert Kolberger (1948-2023)
Summerauer Straße 29
4261 Rainbach i. M.
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