In der Volksschule Zulissen wurden wir lebensnah unterrichtet

In der Volksschule Zulissen wurden wir lebensnah unterrichtet.

Thomas Lang war der Lehrer, der die längste Zeit an dieser Kleinschule unterrichtete, nämlich von 1949 bis 1962 (1)

„Ich, Ernst Duschlbauer besuchte von 1954 bis 1958 in der Volksschule in Zulissen. Für mich war es, jetzt zurückschauend, eine recht schöne Zeit – ich habe viel gelernt und wurde in dieser Schule auf mein weiteres Leben gut vorbereitet. Ein Grund dafür, so glaube ich, war auch unser damaliger Lehrer Thomas Lang, der uns viele Freiheiten ließ und der uns individuell gefördert hat und die Geschichten, die ich erzählen will, beleuchten das sehr gut.

Jeder Schüler durfte im Schulgarten sein eigenes Beet betreuen und für diese Arbeit wurde auch Unterrichtszeit hergenommen. Natürlich hatten wir dabei ziemlich schmutzige Hände. Eines Tages kam die Frau Lehrerin (die Gattin von Thomas Lang) in den Garten und sagte: „Ich glaube der Schulinspektor kommt“. Wir konnten ihn auch schon sehen, er ging gerade an der Piringer Steinmauer vorbei (ca. 100 m vor der Schule). Also nichts wie hinein in die Klasse, Hefte heraus und aufmerksam nach vorne geschaut. Der Schulinspektor, Herr Grabmair, kam gleich danach herein und ging durch die Reihen, schaute bei manchen von uns ein Heft an, dann ging er herum und schaute nur mehr auf unsere Hände. Wir hatten sie nicht gewaschen, sondern nur an den Hosen bzw. den Schürzen abgewischt. Einige von uns haben dann, wenn er gerade nicht hergeschaut hat, die Hände „nachpoliert“, aber es gelang nicht ganz, ein wenig Gartendreck blieb immer hängen. Dann stellte sich der Schulinspektor vorne hin und wies uns eindringlich auf die Wichtigkeit von sauberen Händen hin. Nachdem der Schulinspektor wieder gegangen war, wuschen wir alle unsere Hände, Thomas Lang schaute uns mit einem Schmunzeln zu und sagte nichts.

Unser Lehrer war im Dorf auch dafür bekannt, dass er bei vielen Bauern Saustechen ging. Einmal wurden wir Kinder eingeladen und wer wollte, konnte kommen. Ich weiß nicht mehr, ob jemand nicht gekommen ist. Jeder Schüler lernte wie der Magen ausschaut, dass die Galle mitten in der Leber liegt, dass die Blase etwa einen Liter Flüssigkeit fasst, dass die Nieren zu zweit im Körper liegen und dass die Lunge sich beim Hineinblasen aufbläht. Und jeder durfte einmal hineinblasen und dann sind wir alle mit blutigem Mund da gestanden, was am Anfang recht lustig war. Dann wurde es doch irgendwie weniger lustig und unser Lehrer bat die Bäuerin um einen Eimer warmen Wassers …

Im Herbst gingen wir fast jeden Tag „in den Wald“. Es war schön dort. Auf den Angerwegen haben sich nach einem Regen immer Streifen von Sand gebildet. Auf diesen Sandbänken konnte jeder vorzüglich mit einem Stäbchen oder mit dem Finger schreiben. Thomas Lang teilte uns in Zweier- und Dreiertrupps ein, immer ein Älterer und ein oder zwei Jungschüler, die den Lehrstoff noch nicht so gut gekonnt haben. Dann hat jeder eine „Sandtafel“ zugewiesen bekommen und es wurde gerechnet. Ich kann mich noch daran erinnern, wo ich bei der Hartl Dilli das 7er 1x1 gelernt habe – es war dort, wo der „Kreuzwinklweg“ vom Weg nach Summerau abzweigt. Mit Hetscherbetscher, so sagten wir zu den Hagebutten, konnte man auch den Zahlenraum bis zwanzig gut begreifen. Ich habe einmal – es muss in der dritten Klasse gewesen sein – die Mühleder Mitzi als „Beiwagerl“ (Helferin) zugewiesen bekommen und wir haben mit Zwetschken (beim Mühleder hatten sie ganz süße Zwetschken) gerechnet. Leider wurden die möglichen Subtraktionen immer weniger, weil ein gewisser Zwetschkenschwund eingetreten war.

Zweimal im Jahr hat sich unser Lehrer Filme in Freistadt ausgeborgt – Märchen wie „Der Hase und der Igel“, „Stadtmaus und Feldmaus“, aber auch Naturfilme wie z. B. „Die Kreuzotter“, oder „Die Zuckerrübe“. Die Filme wurden am Vormittag bei den älteren Schülern und am Nachmittag bei den Jüngeren gezeigt. Am Abend haben sich auch die Erwachsenen, meistens in der Stube beim Barbl, die Filme angeschaut. Die Erwachsenen sind auf ihren mitgebrachten Sesseln gesessen, und wir Kinder sind am Boden vor der Leinwand gelegen. Der Lehrer hat bei den Naturfilmen Kommentare abgegeben (es waren ja Stummfilme). Auf die Kommentare, die vom Boden her abgegeben wurden, wollte niemand hören. Sogar Thomas Lang, sonst die Ruhe in Person, wurde einmal über ein sehr eifriges Mädchen ungehalten („Jetzt halt einmal ´s Maul“).

Einmal hat uns auch einer mit einem Vollbart einen Lichtbildervortrag über Südamerika gehalten. Es war wirklich spannend. Nur der Vollbart war ein wenig irritierend, weil sich der Vortragende dauernd im Bart gekratzt hat. Dreißig Jahre später habe ich den Mann in Guatemala wieder getroffen. Er hat mir gesagt, dass er sich den Vollbart nur für die Vorträge in Österreich hat wachsen lassen, und der Bart habe ihn so furchtbar gejuckt.

Manchmal durften wir auch Radio hören, vor allem im Winter. Auch die Frau unseres Lehrers kam von der Wohnung in das Klassenzimmer herunter und wir feuerten gemeinsam mit ihr den Toni Sailer und den Anderl Molterer an. Manchmal wurden wir auch hinauf in die Lehrerwohnung eingeladen und bekamen einen frischen Kuchen. Da musste man sich natürlich ordentlich benehmen. Es war alles so schön. Hier gab es eine Kredenz mit einem Auerhahn, Sesseln mit einer vollen Lehne und darin ein Herz ausgeschnitten und wenn ich mich recht erinnere auch Jagdtrophäen, Rehbockgeweihe und einen ausgestopften Birkhahn (oder war es ein Bussard?).

Im Frühjahr – es muss 1958 gewesen sein – war unser Lehrer ganz aufgeregt, als der Piringer in die Klasse kam und verkündete: „Es ist alles fertig“. Mitten in der Wiese bei der Piringer Steinmauer war ein genau 10 mal 10 Meter großes Stück Wiese abgemäht. Seither weiß ich ziemlich genau wie groß ein Ar ist. 100 Meter waren es vom Beginn der Steinmauer bis zur Abzweigung des Kreuzwinkelweges, 500 Meter bis zum Transformator. Für einen Kilometer musste man in eine Richtung bis in die Mitte des Waldes beim Purberg gehen oder eben zum Transformator und wieder zurück (wie der Piringer Willi richtig bemerkte). Ein Hektar war mit Stangen, auf denen rote Tücher hingen, gekennzeichnet. Außerdem sagte uns der Lehrer, dass auch das Feld vom Koller neben dem Kreuzwinklweg bis zum Wald ungefähr ein Hektar habe. Und das Feld neben der Linde gleich vor der Schule hatte ein halbes Joch. Heute noch, wenn ich Entfernungen oder Flächen abschätzen soll, lege ich diese Größen – Ar, Transformator - Piringer Steinmauer, Koller Feld – in Gedanken über die zu schätzenden Flächen oder Entfernungen und bin meist recht nahe bei der wirklichen Größe.“

(1) Erstveröffentlichung im Buch "Vom Gleisdreieck bis zur Dorfglocke", in dem man viele weitere interessante Erzählungen über das Leben damals in unserer Gemeinde findet.
Hier findet man eine Auflistung der Beiträge dieses Buches. >>>

Zulissen
1950-1959
Fotos
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links: Zulisser Volksschule in den 1960er Jahren - rechts: Deibl-Teich (viele lernten hier das Schwimmen) - Bildleihgeber: Leopold (Gottfried) Pötscher, Birkengasse 5, 4261 Rainbach i. M.
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Volksschulgebäude Zulissen (Süd- und Ostseite) in den 1950er Jahren - Bildleihgeberin: Helga Gregor, Helbetschlag, 4264 Grünbach
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Volksschule Zulissen (West und Südseite) Anfang der 1970er Jahre - Bildleihgeber: Otmar Zeindlinger, Summerau Mitte 35, 4261 Rainbach i. M.
Verfasser

Niederschrift von Prof. Ernst Duschlbauer, Vergeinerstr. 19, 4240 Freistadt

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