Löcher im Eisernen Vorhang in Summerau und Wullowitz

Löcher im Eisernen Vorhang in Summerau und Wullowitz.

Oberösterreichs nördliche Staatsgenze ist hermetisch abgeriegelt. Nur zwei „Löcher“ sind es, die, so sieht es für denjenigen aus, der die näheren Verhältnisse nicht kennt, den Eisernen Vorhang durchtrennen. In Summerau und Wullowitz sind Grenzübergänge. Während Summerau ein Grenzbahnhof ist, handelt es sich bei Wullowitz um ein Straßenzollamt. Über Summerau tröpfelt der Personen- und Güterverkehr immer ein wenig. Wullowitz hingegen war bis zum letzten Besatzungsjahr gesperrt. Es war eine vielbeachtete Geste der Tschechen, als sie - und das nur für den diplomatischen und wirtschaftlichen Verkehr - den Grenzschranken täglich bis 22 Uhr offenhielten. Seit Mai dieses Jahres ist das Straßenzollamt Wullowitz durchgehend geöffnet. Wie sieht es nun an diesen beiden Knotenpunkten aus?

Summerau ist ein nicht unbedeutender Grenzbahnhof. In den letzten Monaten rollten täglich an die 300 bis 400 Waggons in Richtung Oberösterreich. Die Zollbeamten hatten alle Hände voll zu tun. Die Eisenbahner wussten, da die zollrechtliche Behandlung nicht so schnell abgewickelt werden, nicht ein und aus mit den vielen Zügen. Manche Züge wurden, waren doch die Gleisanlagen vollgestopft, auf anderen innerösterreichischen Bahnhöfen abgestellt. Für Überraschungen sorgten die Tschechen! Vom tschechischen Bahnhof Oberhaid erhalten die Österreicher sogenannte Waggonvormeldungen. Diese treffen meist nicht zu, und es bedeutet einiges, bis dieser Tohuwabohu beigelegt werden kann. Rückfragen der österreichischen Eisenbahner will man meist nicht verstehen, das heißt, die Tschechen erklären kurzum: „Nix verstehen!“

Von West- und Ostdeutschland kommen vor allem Kohle, Kalisalz und Erz nach Österreich. Es handelt sich in erster Linie um Sendungen, die in Hamburg gelöscht werden und schon den Weg von Amerika und Schweden gemacht haben. Die tschechischen Frachttarife, MGS-Tarif genannt, ist weitaus billiger wie der westdeutsche oder österreichische. Die Verrechnung erfolgt in Rubel! Für polnische Briketts, die in der CSR 280 km befördert werden, ergibt sich ein auf Schilling umgerechneter Frachtsatz von 1800 Schilling, für 160 km sind in Österreich 2000 Schilling zu entrichten. In umgekehrter Richtung, in die CSR, gehen meist Schnittholzladungen.

Der tschechische Staat lässt keinen österreichischen Eisenbahner bis zum tschechischen Grenzbahnhof. Die tschechischen Loks, vorn das Emblem des Kommunismus, Hammer und Sichel, fahren bis Summerau. Die Zugsbegleitung ist linientreu, im Verkehr mit den österreichischen Kollegen zurückhaltend. Ein Tscheche, ein Wagenmeister, ist ständig in Summerau. Er erhält eine tägliche Auslandszulage von 20 Schilling, bestimmt kein großer Betrag.

Der Personenverkehr per Bahn ist verschwindend klein, durchschnittlich sind es 300 bis 400 Reisende im Monat. Der Winterfahrplan brachte einige Unruhe in die Reisenden. Mürrisch waren letzten Samstag 38 Reisende der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft. Der Zug von Linz kommt in Summerau um 8.43 Uhr an, die Weiterfahrt in Richtung Prag kann erst um 9.30 Uhr erfolgen. Es gibt keinen ausgesprochenen Personenzug. Die Tschechen kuppeln einen Personenwagen an einen Güterzug. Dieser Güterzug kommt aber meist mit Verspätung aus der CSR, das Verschiebemanöver nimmt auch einige Zeit in Anspruch, und die Folge ist, dass der kombinierte Zug mit Verspätung von Summerau wegkommt. Einen Warteraum im gegenwärtig in der Renovierung begriffenen Bahnhof Summerau können die Reisenden nicht aufsuchen. Sie müssen bei Sturm und Kälte auf dem Perron warten. Noch schlechter, hier vor allem für den österreichischen Zugverkehr, ist es, wenn der planmäßig um 13.50 in Summerau eintrudeln sollende Zug aus der CSR mit solcher Verspätung ankommt, dass die Reisenden nicht mehr den Anschluss in Richtung Wien finden. Wenn auch hiefür 20 Minuten zur Verfügung stünden, so kommt es nicht selten vor, dass die peinlich genauen Kontrollen durch die tschechischen Grenzorgane derart lang dauern, dass eine Gewähr für einen Anschluss nicht gegeben ist. Die Österreicher geben meist 30 Minuten zu. Kommt aber der Zug in dieser Zeit auch nicht, wird abgefahren. Die Reisenden müssen dann bis 17.18 Uhr auf den nächsten Zug nach Linz warten.

In Wullowitz gibt es keine Schwierigkeiten. Dort kommt es auch hin und wieder vor, dass sich österreichische und tschechische Grenzbeamte in dienstlicher Eigenschaft treffen. Schuggel gibt es so gut wie keinen. Von drinnen kann man nichts herausbringen, und was in die CSR geht, interessiert die Österreicher nicht. Monatlich sind es im Durchschnitt 1800 Personen, die bei Wullowitz die Staatsgrenze benützen.

(aus Mühlviertler Nachrichten vom 13. Oktober 1960)

Summerau
1960
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Quelle: Mühlviertler Nachrichten vom 13. Oktober 1960

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